Viel geredet, wenig getan - Das erste Schuljahr nach Pisa
- Von Nicole Munk -
Das erste Schuljahr nach dem Pisa-Schock begann. Das wenig rühmliche Abschneiden der deutschen Schüler scheint fast vergessen. Pisa ist längst aus den Schlagzeilen verschwunden. Man war ja auch übersättigt, wollte nichts mehr hören und nichts mehr lesen darüber, dass selbst die Schülerleistungen in Bayern und Baden-Württemberg, den darin besten deutschen Ländern also, international gesehen im Mittelfeld rangierten. Alle haben zu allem alles gesagt. Je nach Parteizugehörigkeit und ideologischer Überzeugung haben ausgewiesene oder selbst ernannte Bildungsexperten die Ergebnisse des Leistungsvergleichs so interpretiert, dass sie zu ihren jeweiligen schulpolitischen Vorstellungen passten. Die einen propagierten den Leistungsgedanken, die anderen verteufelten das selektive Schulsystem, das bereits nach der vierten Grundschulklasse die Weichen für die Zukunft der Kinder stelle. Völlig verstummt sind die Optimisten, die hofften, das schlechte Pisa-Zeugnis könne die Chance sein, frei von parteipolitischen und weltanschaulichen Zwängen über die Zukunft des Schulsystems zu diskutieren. Von überparteilicher, grundsätzlicher Reformbereitschaft ist wenig zu spüren.
Auch in den einzelnen Bundesländern scheint der Wille der Regierung, fundamentale Überlegungen zu dem Thema anzustellen, nur schwach ausgeprägt. Immerhin, so schlecht hat das Land ja nicht abgeschnitten, dass jetzt kein Stein mehr auf dem anderen bleiben könnte. Aber der zweite Platz in der Pisa-Tabelle darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in den südwestdeutschen Schulen längst nicht alles zum Besten steht; dass zum Beispiel 13 Prozent der Neuntklässler selbst einfache Lesetexte kaum verstehen. Sicher, es tut sich etwas im Land. Versierte Pädagogen feilen an Bildungsplänen, die in zwei Jahren an allen Schulen eingeführt werden sollen. In den Entwürfen scheint vieles auf, was die Pisa-Experten angemahnt haben. Es ist die Rede davon, verwandte Fächer, wie zum Beispiel die Naturwissenschaften, zusammenzufassen, damit die Schüler lernen, Zusammenhänge zu begreifen. Es ist die Rede von besserer Allgemeinbildung und weniger Spezialwissen, von Prüfungen, bei denen es darauf ankommen soll, selber erarbeitete Erkenntnisse zu präsentieren und nicht mehr darauf, auswendig Gelerntes abzuspulen. Auch die Formulierung von Bildungsstandards, in denen jetzt die ganze Republik die Rettung sieht, gehört zu den Zielen.
Diese Ansätze sind zu begrüßen. Aber die Gefahr ist groß, dass die Diskussion nicht über diese Absichten hinausführt. Deshalb ist es fraglich, ob Vorschläge anderer politischer Lager eine Chance haben, in die Reform einzufließen.
Es ist in den Klassenzimmern also im Prinzip so weitergegangen wie gehabt. Niemand konnte erwarten, dass nach dem schlechten Zeugnis bereits die Verbesserungen auf dem Tisch lägen. Im Gegenteil, übereilte Reförmchen wollte keiner. Inzwischen haben aber vor allem die Praktiker, also die Lehrer, erhebliche Zweifel daran, ob den aufgeregten Diskussionen der Vergangenheit irgendwelche Konsequenzen folgen werden. Der Grund der Skepsis: die Realschullehrer und die Gymnasiallehrer werden vor Klassen mit bis zu 33 Schülern stehen, und das wird in den nächsten Jahren an den weiterführenden Schulen so bleiben. An individuelle Förderung ist bei Klassen dieser Größe nicht zu denken. Solange die Klassen so groß sind, solange das Geld für Bildung so knapp ist, werden die schönsten Konzepte kaum verwirklicht werden können.
Aber nicht nur deshalb sind viele Lehrer eher pessimistisch. Sie fürchten auch, dass die zukünftigen Fächerverbünde dazu führen, den Mangel an Fachlehrern zu kaschieren. Diese Befürchtung kann nur durch Gespräche mit allen Beteiligten zerstreut werden. Ministerielle Alleingänge stellen die Pädagogen nicht zufrieden. Auch neue Bildungspläne lösen nicht alle Probleme, die Pisa aufgezeigt hat. Schule wandelt sich dauernd. Deshalb muss die Debatte zwischen Politikern, Pädagogen und Eltern weitergehen und klarstellen, dass Bildung eine gesellschaftliche Aufgabe ist. In Meinungsumfragen heißt es, die Lehrer seien zu lasch. Pisa hat aber daran erinnert, dass auch die Eltern aktiver werden müssten. Spätestens im November wird das Thema erneut aufflammen, denn dann folgt Pisa, Teil drei. Dabei werden die Leistungen der einzelnen Schularten verglichen. Danach ist eine Auseinandersetzung fällig, deren Ziel nicht endlose Diskussionen sind, sondern handfeste Taten.
Eltern haben die Verantwortung. Pädagogen geben ihre Hilfe. Politiker sollen Voraussetzungen schaffen. Und alle sollen wissen, Kinder sind unsere Zukunft!
Stadtzeitung Bad Nauheim Nr. 569 vom 25.10.2002
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